Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Tierarzt

chronische Langeweile bei Pferden

Wie Pferde ihr Leben genießen, fragt ihr die Pferde am besten mal selbst. Die meisten können euch wahrscheinlich wahre Romane erzählen. Ihr werdet zu hören kriegen, wie interessant es ist, hinter Gitterstäben dem regen Treiben auf der Stallgasse zuzuschauen oder sich des Nachts auf einem schönen, warmen und und vor jeglicher frischer Luft befindlichen Strohbett betten zu dürfen.

Ihr werdet erfahren, wie extrem es blendet, wenn man die Sonne nur maximal 2-3 Mal in der Woche zu sehen bekommt (irgendwie muss man schließlich vom Stall in die Halle kommen) und ihr werdet die funkelnden Augen sehen, wenn dann die 2 Highlights des Tages stattfinden: Das morgendliche und das abendliche Füttern. Pferd ist total begeistert von dem besorgten Frauchen, weil Sie ihren Liebling unter keinen Umständen zu den “bösen” Pferden auf die Weide stellen mag, wo es im Stall doch viel sicherer ist und außerdem  ist das Wetter sowieso zu warm, zu kalt, zu nass (und Frauchen in ihrer dicken Jacke weiß schließlich, wovon sie redet…).

Pferd erzählt euch außerdem, wie wunderbar es doch ist, regelmäßig umsorgt zu werden, weil die dumme Strahlfäule einfach nicht besser werden will und ihr werdet regelrechte Begeisterungsausbrüche vorfinden, wenn Pferd euch von seinem so spannenden Tag erzählt und wie viel es doch erlebt hat. Ach ne, da war ja was. Pferd ist ja krank! Chronisch krank…


Chronische Krankheiten bei Pferden

Was glaubt ihr, ist die meist verbreiteste Krankheit unter den Pferden? Schwierige Frage? Ihr denkt an Kolik? Husten? Hufgeschwüre? Alles falsch!

Zugegebenermaßen, die Antwort ist so einfach, dass es schon fast wieder schwierig ist darauf zu kommen. Und bevor euch jetzt noch mehr absurde Krankheiten durch den Kopf schwirren, verrate ich es euch: “Chronische Langeweile”

So einfach? Ja, so einfach! Und dennoch bleibt diese Krankheit meist unbeachtet oder wird gar ignoriert – zum Leidwesen der Patienten in ihren sicheren Boxen…

Um euren Tierarzt ein wenig zu entlasten, möchte ich euch das Krankheitsbild der “Chronischen Langeweile unter Pferden” etwas genauer erklären!


Chronische Langeweile bei Pferden

Die Ursachen einer chronischen Langeweile

  • Pferd darf 23 Stunden am Tag in seiner (natürlich sicheren und fünfmal verriegelten) Box stehen und muss keine Angst davor haben, von anderen Art- (Leid-) Genossen gebissen oder getreten zu werden (Safety first – auch im Stall!).
  • Pferd kennt nur den Weg zwischen Box, Putzplatz und Halle (“Größer ist die Welt nicht?”).
  • Pferd kennt das Wort “Koppel” nur aus Erzählungen und auch die Begriffe “Bodenarbeit”, “Ausreiten”, “Spaß” und “Abwechslung” sind noch nicht bis zu ihm durchgedrungen.
  • Pferd bekommt einen ganz tollen Spielball in die Box gehängt. (Dass Pferd lieber einfach zum Fenster rausgucken würde, interessiert hier keinen – der Ball war schließlich teuer und Pferd hat ihn gefälligst zu würdigen. Außerdem sind Boxen mit Fensterblick teurer und überhaupt ist das Risiko einer Erkältung durch frische und klare Luft höher!).

chronische Langeweile bei Pferden

Mögliche Symptome einer chronischen Langeweile unter Pferden:

  • Ständig hängende Unterlippe (egal wie oft ihr an der Box vorbei geht – die Lippe hängt)
  • Pferd freut sich auf  Hufschmied und Tierarzt (endlich mal wieder was anderes)
  • Koppen
  • Weben
  • Plötzliche „Freudensprünge“ während der Reitstunde

Wie behandelt man die chronische Langeweile bei Pferden?

Zuerst muss gesagt werden, dass die chronische Langeweile bei Pferden und keinen Umständen kommuniziert werden darf. Was sollen denn die anderen Reiter im Stall sagen oder denken? Ich bitte euch! Daher schweigt das Thema tot und versucht heimlich ein paar der folgenden, medizinisch sinnvollen Anwendungen vorzunehmen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt bitte euren Tierarzt oder Reitlehrer.

Mögliche Behandlungsarten gegen chronische Langeweile bei Pferden:

  • Putz- und Schmusetage
  • Koppelgang (obwohl dieser eigentlich täglich (!) selbstverständlich sein sollte)
  • Ausreiten oder intensives Geländetraining mit Galopparbeit
  • Bodenarbeit
  • Führanlage
  • Lehrgänge
  • Longenarbeit
  • Spazieren gehen an der Hand
  • Spring-Gymnastik
  • Zirkuslektionen
  • Trailparcourse
  • Knabberäste im Offenstall oder einen Ball
  • Training mit täglich anderen Schwerpunkten (heute Versammlung, morgen Geraderichten, übermorgen Losgelassenheit usw.)
  • … und alles was Spaß macht!

 Abwechslung mit dem Pferd: Mein Fazit

Dass Pferd sein sicheres und wohlbehütetes Leben nicht immer zu schätzen weiß ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen. Dass wir monatlich eine dreistellige Summe in sein Luxus-Leben investieren, ebenfalls. Auch wenn es euch schwer fällt eure Muster zu durchbrechen, so tut aktiv etwas gegen die böse Krankheit „Chronische Langeweile“ – wo sich das liebe Tier nur infiziert hat? – und spart euch die hohen Tierarztkosten – das Geld lässt sich besser in ordentliche Reitklamotten investieren!

Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit!


 

6 Comments

  • Naja, ich sag mal so: Hätte ich nicht die Möglichkeit, meine Jungs im Offenstall zu halten- ich denke, ich hätte keine Pferde. Meine Jungs dürfen sich Tag und Nacht im Stall und auf etwa 500 m2 Auslauf (plus zusätzlichen Weidegang, wenn es die Bodenverhältnisse einigermassen zulassen) bewegen, so wie sie lustig sind. Wenn man sich vorstellt, wie trostlos und öde so ein 23-Stunden-Boxen-Pferdeleben ist! Und wie ungerecht, denn: Irgendwann kommt der ambitionierte Halter ums Eck geschossen, schmeisst den Sattel aufs Tier und das soll dann, bitteschön!, auf Kommando funktionieren.
    Aber seien wir mal ehrlich: Mit solchen frustrierten und abgelöschten Sportgeräten (denn was anderes sind sie ja in diesem Fall nicht!) erlebt man als Reiter auch nicht das, was das Reiten erst so unvergleichlich schön macht: Die Verbundenheit mit dem eigenen Pferd, das gegenseitige Vertrauen und die Interaktionen, die oft auch ohne Worte funktionieren.
    Ich wundere mich sowieso dass es noch kein Gesetz gibt, welches eine Mindestfläche von jederzeit begehbarem Auslauf für Pferde vorschreibt. Und dass man immer noch Ställe bauen darf, die auf reine Boxenhaltung setzen…..
    Übrigens muss ich hier noch einwenden, dass ich Führanlagen was ganz Furchtbares finde. Dieses karusselartige im-Kreis-latschen wird in einem Pferd auf nicht mehr Begeisterung hervorrufen, als alleine in der Boxe zu stehen. Aber das ist meine persönliche Meinung.
    Um das alles in einen Satz zu fassen: Mann sollte sich ganz ungeschönt klarmachen, was da an zeitlichem und finanziellem Aufwand auf einem zukommt, wenn man sich Pferde ins Leben holt. Und das sind sich, muss ich leider feststellen, viele nicht bewusst.
    Gottseidank gibt es aber doch immer mehr (vor allem auch Freizeit-)Reiter, die alle Hebel in Bewegung setzen, um ihren Hippos das Leben so schön wie möglich zu machen.
    Und trotzdem schadet es nicht, immer mal wieder ein paar Worte dazu zu verlieren. Merci dafür!
    Liebe Grüsse und frohe Ostern!

    • Wow, erst einmal Danke für deine super lange Antwort <3 Ja, es ist leider wirklich so: Reiter zieht Pferd aus der Box und dieses hat dann bitte sofort zu funktionieren. Am besten noch, wenn man das warm machen übergeht und das Pferd bitte sofort "ordentliche Lektionen" zeigen soll. Schlimm sowas.

      Zu den Führanlagen gebe ich dir bedingt recht: es gibt durchaus Schöneres, aber wenn man die Wahl hat zwischen nur stehen und wenigsten eine halbe Stunde am Tag Bewegung im Schritt?

      Und ja, da gebe ich dir komplett recht: Die Freizeitreiter scheinen sich deutlich bewusster darüber zu sein, dass ein Pferd immer noch ein Pferd und kein Sportgerät ist. Dennoch kenne ich mittlerweile (zum Glück) viele Sportställe, in denen auf so etwas vermehrt geachtet wird, es wenigstens Paddocks an den Boxen gibt und die Pferde zusätzlich ein paar Stunden auf die Koppel dürfen.

      Dir auch frohe Ostern <3

  • Gut beschrieben. Ich habe schon mal ein Pony verkaufen müssen, weil ich seinem Bewegungsdrang Dank Abitur nicht mehr gerecht werden konnte.
    Weitere Symptome sind übrigens das Umwälzen der gesamten Einstreu 😉

    Ich wünsche mir gerade wirklich, irgendwann wieder ein Pony zu haben, mit dem ich ins Gelände gehen kann.

    Liebe Grüße

  • Oje wenn ich nur dran denke wird mir schon anders 🙁
    Wie Frau Hummel schreibt, da wäre wirklich mal an der Zeit das es geregelt wird, daß solche Zustände nicht mehr geben darf.
    Ich erinnere mich gerne an meine Reiterzeit zurück wo die Ponys jederzeit rein und raus konnten wie sie wollten. Es war bei einem netten alten Herrn wo ich jede freie Minute hingeradelt bin um zu helfen und zu reiten, schöne Zeit lange her 🙂

    Lg Aurelia

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